Sieben Tage, sieben Nächte

15. August 2015 at 06:41
Copyright aus neues-deutschland.de / 15. August 2015 / Feuilleton / Seite 17

Sieben Tage, sieben Nächte

Gabriele Oertel über Hitze im Büro, ein viel zu kaltes Schabowski-Zimmer und überhitzte Reaktionen einiger parlamentarischer Akteure

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Was für eine Hitze
Foto: dpa/Sebastian Kahnert
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So hitzige Tage wie in den vergangenen Wochen haben auch in Redaktionen ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Bei uns im »nd« stehen dann in der Kaffeeküche die – freilich – roten Plastikbehältnisse bereit, die manche von uns ob ihrer Ostsozialisation tatsächlich immer noch Plasteschüsseln nennen, damit bei 37 Grad wenigstens die Füße kühlen Kopf behalten. Der Oberorganisator aus dem Verlag geht mit Kartons voller Speiseeis von Bildschirmarbeitsplatz zu Bildschirmarbeitsplatz, um trotz der nicht vorhandenen Klimaanlage für prima Stimmung in der laufenden Zeitungsproduktion zu sorgen. Es gibt sogar Redakteure, die sich freiwillig für die Teilnahme an der morgendlichen Frühsitzung melden, weil das ansonsten immer viel zu kalte Schabowski-Zimmer, das nach 1990 zum »Ort der Visionen« ausgerufen worden war und diesem Namen manchmal auch gerecht wird, plötzlich zur angenehmen Verlockung geworden ist.

Offenbar gehören derlei Abkühlungsrituale in den klimatisierten Räumen des Bundestages nicht zum Standard. Zwar wurde in diesem Sommer die Reichstagskuppel vorsorglich mehrfach gesperrt, weil fast 50 Grad den Besuchern nicht zugemutet werden konnten – überhitzte Reaktionen einzelner parlamentarischer Akteure waren dennoch nicht zu verhindern. Nehmen wir nur Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Der hat seine persönlichen Schweißausbrüche ob der sich erneut abzeichnenden Widerborstigkeit dutzender Fraktionskollegen in Sachen Griechenland nicht etwa verschämt mit seinem Taschentuch zu lindern gesucht, sondern in eine triefende Drohung gegen die möglichen Abweichler umgewandelt. Dass es den von Karriereknick bedrohten Abgeordneten dennoch nicht siedend heiß den Rücken herunterlief und sie ihm cool depeschierten, bei ihrem Nein zu bleiben, muss den Zuchtmeister von Gnaden der Kanzlerin ziemlich kalt erwischt haben. Plötzlich wollte er das alles nicht so gemeint haben.

Ob das gilt, wird man bei und nach der Abstimmung Mitte nächster Woche im Bundestag besichtigen können. Keiner zweifelt daran, dass es wiederum zu hitzigen Debatten um Griechenland, das liebe Geld und das besondere deutsche Verständnis von Hilfe kommt. Aber vermutlich ficht das die ohnehin immer etwas unterkühlt wirkende Kanzlerin nicht sonderlich an. Selbst wenn aus den eigenen Reihen schon aus Trotz noch mehr Gegenstimmen kommen sollten. Dass ihr treuer Knappe, der in heißer Zeit noch Öl ins Feuer gegossen hat, kaltgestellt wird, ist eher nicht zu befürchten. Und überdies sind am kommenden Wochenende sowieso die schweißtreibenden Hundstage vorbei. Ein paar Plastikschüsseln könnte die Bundestagsverwaltung ja dennoch für den nächsten Sommer vorrätig halten. Es soll auch welche in Schwarz geben. oer

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/981234.sieben-tage-sieben-naechte.html

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