Die Klassenfrage an der Kaufhauskasse

1. Juli 2014 at 12:47
Copyright aus neues-deutschland.de / 30.06.2014 / Debatte / Seite 10

Die Klassenfrage an der Kaufhauskasse

Ist weniger in der Überflussgesellschaft wirklich für alle mehr? Über Konsumkritik und Infrastruktursozialismus

Von Anne Steckner und Mario Candeias
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Foto: Francesca Schellhaas/photocase.com

Laut Meinhard Miegel liegt das Geheimnis eines erfüllten Lebens heutzutage statt im Konsum in Verzicht, Maß und Muße. Harald Welzer plädiert für einen zurückgenommenen Lebensstil und lobt Tugenden wie Eigenverantwortung und Sparsamkeit. Auch manch linke Konsumkritik moniert die »Konsumgeilheit« vieler Menschen in der Überflussgesellschaft. Sie mahnt, sich auf die Erfüllung »echter« Bedürfnisse zu beschränken, auf Teilen, Selbstmachen oder Instandsetzen – statt jedem neuen Hype hinterherzurennen.

Weniger sei mehr, überhaupt wisse man ja, dass Kaufen nicht glücklich macht.

Die Autoren

Anne Steckner

Anne Steckner
Mauricio Bustamante
Mario Candeias

Mario Candeias
privat

Anne Steckner arbeitet im Bereich politische Bildung in der Bundesgeschäftsstelle der Linkspartei. Mario Candeias ist Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Der hier gekürzt Dokumentierte Text erschien soeben als Standpunkte-Papier der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Linke Konsumkritik verweist häufig auch auf miserable Arbeitsbedingungen in besonders ausbeuterischen Unternehmen, macht aufmerksam auf die Produktion schädlicher Waren und ruft zum bewussten Konsum mündiger BürgerInnen oder zum Boykott bestimmter Marken auf. Damit beschwört sie die Macht individueller Konsumentscheidungen.

KritikerInnen dieser Position bemängeln daran den Gestus des moralischen Zeigefingers, der »wahre« gegen »falsche« Bedürfnisse ausspiele und die umfassende Einbindung der Individuen über den Warenkonsum ausblende. Allerdings neigt die Kritik der Konsumkritik dazu, vor allem auf den gesamtgesellschaftlichen Verblendungszusammenhang zu verweisen, in welchem jede Lebensweise entfremdet ist. Ausweg? Fehlanzeige.

Die diversen Spielarten von Konsumkritik greifen drängende Probleme auf, zeigen mögliche Alternativen auf und werden doch der Problematik nicht gerecht. Denn was in den meisten Interventionen zu kurz kommt, sind die Fragen, was den Klassencharakter von Konsum auszeichnet und wie sich eine alltagstaugliche politische Praxis in den Widersprüchen der kapitalistischen Konsumwelt bewegen kann.

Konsum ist nichts Individuelles, sondern eine »gesellschaftlich bestimmte Tätigkeit«, aufs Engste mit der Produktions- und Lebensweise einer bestimmten Gesellschaft verwoben. Seit der Verdrängung der Subsistenzproduktion muss in arbeitsteiligen Warengesellschaften ein Großteil der menschlichen Bedürfnisse über den geldvermittelten Konsum befriedigt werden: Wir nehmen uns nicht, was wir brauchen, sondern wir kaufen ein, was wir bezahlen können. Im Kapitalismus ist die Reproduktion der Arbeitskraft – also die alltäglichen Ausgaben der Lohnabhängigen für Ernährung, Bekleidung, Bildung, Wohnen, Kinderaufzucht, Freizeit etc. – zugleich ein treibendes Moment der Verwertung des Kapitals. Warenkonsum und Kapitalkreislauf bilden einen Zusammenhang von Produktion, Zirkulation und Konsumtion.

Auch Bedürfnisse sind weder individuell noch zeitlos. Folglich sind sie nicht an sich richtig oder falsch, sondern historisch bedingt, gesellschaftlich geprägt und normativ überformt. Im Zuge der permanenten Revolutionierung der kapitalistischen Produktion werden immer wieder neue Bedürfnisse geschaffen, neue Maßstäbe gesetzt, neue Besitznormen erzwungen. Allerdings werden nicht alle Neigungen, Wünsche und Begierden gleichermaßen befriedigt, sondern vor allem die profitablen.

Konsum ist also keine Tätigkeit Einzelner oder eines bestimmten Menschenschlags, sondern eine verallgemeinerte Lebensführung, eine Konsumweise. Gleichwohl verfügen nicht alle über dieselben Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse in der vorherrschenden Weise zu befriedigen, zumal sich das Konsumverhalten je nach Geldbeutel, Sozialisation und Status bedeutend unterscheidet.

Obschon in der Figur des Konsumenten jeder Unterschied von Klasse, Race und Geschlecht ausgelöscht ist, verfolgt die Werbung zum Beispiel milieu- oder geschlechterspezifische Verkaufsstrategien und spricht Kundengruppen gezielt an. Das Konsumverhalten wird klassenförmig angeordnet: Dem Luxuskonsum stehen die Tafeln, dem Einkauf im Bio-Supermarkt der Besuch bei Aldi und Lidl gegenüber. Das hat Folgen für die Konsumkritik.

Wie konsumieren Arme, wie Reiche, wie die Mittelklassen? Klassenspezifische Konsummuster wirken auf zahlreichen Feldern: Menschen mit dem nötigen Kleingeld, die über die Konsumgewohnheiten breiter Teile der Bevölkerung zuweilen die Nase rümpfen, erreichen Distinktion über Preis, Qualität und Exklusivität. Ihr Konsumverhalten wirft nicht nur die ökologische Frage anders auf, sondern offenbart vor allem Verhältnisse sozialer Ungleichheit.

Aber was ist mit den mittleren und Einkommensgruppen des »Mitte-unten«, deren Konsum die Masse der gekauften Güter ausmacht? Sie erwerben jedes Jahr ein neues Handy, tragen die gerade angesagten Markenklamotten, stellen sich einen riesigen Flachbildschirm in ihr 14-Quadratmeter-Zimmer und düsen mit easyJet übers verlängerte Wochenende in eine andere Stadt. Das mag vielfach zutreffen. Die Folgen dieses Konsumverhaltens sind problematisch. Und der Alltagsverstand weiß, dass das ökologisch nicht tragbar ist.

Doch in der Warengesellschaft ist Konsum neben Bedürfnisbefriedigung auch ein Weg zu gesellschaftlicher Teilhabe und Mobilität. So dienen etwa Laptops und Smartphones keineswegs nur der technischen Ausrüstung in der »Wissensgesellschaft«, sondern sind die Eintrittskarte in soziale Netzwerke, dort, wo Kontakte geknüpft und gepflegt, Neuigkeiten ausgetauscht werden, auch Hierarchie und Konkurrenz regieren, kurz: wo Gesellschaft stattfindet. An dieser Gesellschaft teilhaben zu können ist für all jene besonders wichtig, die nicht über andere Mittel von Macht und Einfluss verfügen – eine Klassenfrage.

In entfremdeten Verhältnissen ist Konsum auch Kompensation. Er bietet kurzfristige Sinnstiftung und ermöglicht Beteiligung an den Glücksversprechen der Gesellschaft. Erich Fromm hat die identitätsstiftende Wirkung von Besitz für das eigene Selbstwertgefühl auf den Punkt gebracht: »Man ist, was man hat.« Neben dem allgegenwärtigen Anreiz zum Konsumieren – ausgelöst durch aggressive Werbung vor allem im Netz – kann Konsumfähigkeit zum Ein- und Ausschlusskriterium für gesellschaftliches Ansehen, für Status, Kultur, Prestige und Geschmack werden. Mit Pierre Bourdieu ließe sich fragen: Wer ist wie und warum auf diese Formen der Anerkennung besonders angewiesen, wer distinguiert sich auf welche Weise? Eine Klassenfrage.

Angesichts fehlender Möglichkeiten von zahlreichen abhängig Beschäftigten, ihre Arbeit sinnstiftend und selbstbestimmt zu gestalten, bietet Konsum eine vorübergehende Flucht aus der Fremdbestimmung: als Ventil gegenüber Druck, Frust oder Erschöpfung in der Erwerbsarbeit, als Ablenkung von perspektivloser Erwerbslosigkeit, als kurzzeitiger Ausstieg aus Langeweile, Isolation oder Stress in der häuslichen Reproduktionsarbeit. Konsum erlaubt die »effektivste Erholung von physischer und nervlicher Anstrengung« in kürzester Zeit – über den Kaufakt. Doch nicht alle Arbeit im Kapitalismus ist schlecht bezahlt, sterbenslangweilig oder wenig anerkannt. Ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben braucht weniger über Konsumgüter vermittelte Erfüllung und über Statussymbole vermittelte Anerkennung. Kompensatorischer Konsum ist – eine Klassenfrage.

Konsum hat auch eine integrativ-disziplinierende Wirkung. Wer einen Bankkredit bedient, muss die dazugehörige Lebensweise erfolgreich bewältigen: ein geregeltes Einkommen, Fügsamkeit im Falle drohenden Jobverlustes, keine längeren Krankheitsausfälle, eine verlässliche Selbstführung. Wo echte politische Beteiligung an der Gestaltung von Ökonomie und Gesellschaft versagt bleibt, gibt privater Konsum ein Stück Kontrolle über persönliche Entscheidungen und Präferenzen zurück. Das damit verbundene Freiheitsversprechen bietet vorübergehende Selbstbestimmung zum Preis der dauerhaften, noch härteren Unterwerfung unter Schuldendienst und Erwerbszwang. Sich dieser Logik entziehen können nur diejenigen, die nicht darauf angewiesen sind, Einkommen aus dem Verkauf ihrer Arbeitskraft zu beziehen, sondern andere für sich arbeiten lassen – selbstredend eine Klassenfrage.

Und was passiert mit den Nichtkonsumfähigen? Sie haben in der Warengesellschaft keine Alternative zum geldvermittelten Konsum für ihre Bedürfnisbefriedigung. Abgesehen vom Rückzug in den Schrebergarten, in solidarische Auffangnetze des nahen Umfeldes (so vorhanden) oder in die finanzielle Abhängigkeit vom Ehepartner gibt es keine Exit-Option. Damit »wird der Verlust der Kreditwürdigkeit zum größten anzunehmenden Unfall«. Wer seine Kreditwürdigkeit und damit Konsumfähigkeit verliert, ist ausgeschlossen von den etablierten Formen der Geselligkeit und von einem Großteil sozialer Kontakte.

Die allgemeine Forderung »weniger wachsen, weniger konsumieren« ist klassenblind. Eine Antwort darauf, wie die mit Konsum, Wachstum und Verschwendung behafteten Probleme angegangen werden können, muss differenzierter ausfallen. Das bedeutet zum Beispiel, für die unteren Klassen – so absurd es klingen mag – zunächst mehr Konsummöglichkeiten einzufordern. Die damit verbundene politisch-gesellschaftliche (nicht moralisch-individuelle) Frage ist: Was für ein Konsum?

Eine sozialökologische Transformationsperspektive muss sich mit dem Dilemma herumschlagen, dass eine radikale Reduzierung von Ressourcenverbrauch und Schadstoffausstoß entweder mit deutlichen Preisanstiegen infolge konsequenter Ökosteuern verbunden ist oder mit gesetzlich eingeschränkter Nutzung bestimmter Güter. Die erste Variante führt zu einer unverhältnismäßigen Belastung ärmerer Haushalte, die zweite zu einer Einschränkung der individuellen Freiheit. Dieses Dilemma offenbart die Widersprüche, innerhalb derer die Wege zu einer sozial gerechten und ökologischen Konsumweise auszuloten sind.

Die Forderung nach mehr Konsum mag sich merkwürdig ausnehmen. Doch Jahrzehnte neoliberaler Politik haben in vielen Bereichen soziale Infrastrukturen und Dienstleistungen ausgedünnt, die Grundbedürfnisse abdeckten. Diese bleiben nun vielfach unbefriedigt, was zu Überlastung, Stress, Krankheit und Armut führt. Entsprechend treten Kämpfe um Reproduktion und Lebensweisen wieder in den Vordergrund. An sie lässt sich anknüpfen: für bessere Kinderbetreuung und Schulen, für Mobilität, Bildung und Gesundheit für alle, für bezahlbares Wohnen oder Kämpfe um Zeit. Sie alle drehen sich um moderne menschliche Grundbedürfnisse, die nicht in jedem Fall über den Preis zu regeln sind. Sie sollten jedem Einzelnen, unabhängig von sonstigen Konsumentscheidungen, zur Verfügung stehen, entgeltfrei oder zu sehr geringen Kosten.

Eine verbindende Perspektive dieser Kämpfe wäre die Forderung nach einer entgeltfreien sozialen Infrastruktur. Sie umfasst eine bedingungslose sozialökologische Grundversorgung, etwa in den Bereichen Energie, Trinkwasser, Mobilität, Internet etc., sowie kostenlose Gesundheitsversorgung, Bildung und Weiterbildung und ein Recht auf bezahlbares Wohnen. Auch hier könnte – wie bei der Energie – zur Kasse gebeten werden, wer viel verbraucht: also ein entgeltfreies Trinkwasserkontingent pro Kopf, aber Verteuerung des privaten Swimmingpools; entgeltfreier öffentlicher Nahverkehr, aber Aufschläge für häufige Flugreisen, entgeltfreier Zugang zum Internet und zu digitalen Gütern, aber Preissteigerungen für riesige Datentransfers etc. Notwendige Gesundheitsversorgung, Erstausbildung und bestimmte Zeiten der Weiterbildung sollten für alle kostenfrei zur Verfügung stehen. Bezahlbarer (auch innerstädtischer) Wohnraum kann über eine Mischung aus Mietpreisregulierung, sozialem Wohnungsbau, Förderung nicht profitorientierten kollektiven Eigentums und einer entsprechenden Liegenschaftspolitik erreicht werden.

Eine solche Orientierung auf kollektiven Konsum moderner Lebensmittel im Sinne eines (kommunalen) »Infrastruktursozialismus« wäre die Grundlage für individuelle Freiheit jenseits von Existenzängsten – und somit für eine sozialökologische Lebensweise. Die entgeltfreien, öffentlichen und kollektiven Konsumformen radikal auszuweiten hieße auch, das Geld als »Kuppler zwischen dem Bedürfnis und dem Gegenstand« und damit die individuelle Geldbörse weniger relevant werden zu lassen, die Kultur des Marktes zurückzudrängen, das Öffentliche und Gemeinsame in den Vordergrund zu rücken. Über die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse hinausgehende individuelle Konsumentscheidungen wären so in eine angstfreie Lebensgestaltung mit weniger (Konsum-)Druck eingebettet.

Die Voraussetzung für diese substanzielle Ausweitung sozialer Infrastruktur und eine entsprechende Ausstattung des Öffentlichen wäre eine radikale Politik der Umverteilung von oben nach unten – notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung aller linken Politik. Die Ausweitung finanzieller Gestaltungsspielräume ist unverzichtbar im Kampf für eine bedingungslose Grundversorgung als selbstverständliche Konsumweise.

Neben der Etablierung des öffentlichen Sektors als eigener Ökonomie macht der »Infrastruktursozialismus« auch einen tief greifenden sozialökologischen Umbau der Produktion notwendig, ebenso wie eine grundlegende Umgestaltung der Arbeitswelt. Zugleich gelte es, alle unbezahlten Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsökonomie als gesellschaftlich unabdingbare Reproduktionsarbeit anzuerkennen und ins Zentrum des kollektiven Konsums zu stellen: Die Pflege Alter und Kranker, die Kinderbetreuung, die Gesundheit etc. wären nicht länger eine Frage individueller Kaufkraft oder persönlicher Zeitbudgets, sondern eine nicht warenförmige, nicht geldvermittelte Leistung, für die es entsprechende Infrastruktur gibt.

Mit dem hieraus gewonnenen Wohlstand an Zeit – raus aus dem Hamsterrad – öffnen sich dann auch Perspektiven, die Konsumverzicht in anderen Bereichen attraktiv machen.

Kompletter Text als PDF[1]

Links:

  1. http://www.rosalux.de/publication/40601/geiz-ist-gar-nicht-geil.html

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/937470.die-klassenfrage-an-der-kaufhauskasse.html