30 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich sind genug

12. Februar 2013 at 22:49

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…..entnommen aus Neues Deutschland – Wirtschaft und Umwelt – von Fabian Lambeck – 12. Februar 2013

30 Stunden sind genug

Wissenschaftler und Politiker fordern Arbeitszeitverkürzung

Langsam kommt wieder Schwung in die Debatte um eine Verkürzung der Arbeitszeit. In einem offenen Brief fordern nun Wissenschaftler, Gewerkschafter und Politiker die Einführung einer europaweiten 30-Stunden-Woche – bei vollem Lohnausgleich.

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Weniger ist mehr.
Foto: dpa

Ihr erstes Ziel haben die beiden Wirtschaftswissenschaftler Mohssen Massarrat und Heinz-Josef Bontrup bereits erreicht. Ihr offener Brief machte am Montag ordentlich Schlagzeilen. Sie und 100 Mitunterzeichner aus Wissenschaft und Politik fordern darin die Einführung einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Zu den Unterzeichnern gehören auch die Linkspolitikerinnen Katja Kipping und Sahra Wagenknecht sowie der Sozialphilosoph Oskar Negt.

»Ein Überangebot an den Arbeitsmärkten führt zu Lohnverfall«, heißt es in dem Brief. Angesichts steigender Arbeitslosenzahlen müsse man verhindern, »die Krisenlasten der lohnabhängigen Bevölkerungsmehrheit aufzubürden«. Daher sei eine Verknappung von Arbeit auf 30 Wochenstunden notwendig. Die Forderung nach weniger Maloche beziehe »alle denkbaren Arbeitszeitformen ein«. Also auch verlängerten Urlaub, einen früheren Ausstieg aus dem Erwerbsleben oder sogenannte Sabatticals. Die Unterzeichner betonen ausdrücklich, dass sich ihre Forderung auf alle EU-Staaten bezieht.

Gegenüber »nd« machte Mitinitiator Bontrup am Montag eine erstaunliche Rechnung auf: »Wir haben in Deutschland 37 Millionen abhängig Beschäftigte, die pro Jahr 78,7 Milliarden Stunden arbeiten. Das heißt, rein rechnerisch haben wir längst die 30 Stunden-Woche, aber die Arbeit ist ungleich verteilt.« So gebe es mehr als drei Millionen Teilzeitbeschäftigte, die gerne Vollzeit arbeiten würden.

Auffällig ist, dass man die Namen prominenter Gewerkschafter auf der Unterzeichnerliste vergeblich sucht. »Wenn wir das Thema ansprechen, kriegen wir regelmäßig zu hören, dass die Kollegen an der Basis so etwas nicht wollen«, so Bontrup. Das ist wohl auch ein Vermittlungsproblem. Arbeitszeitverkürzung setzen viele mit Lohnverzicht gleich und haben dabei VW im Hinterkopf. Weil der Absatz bei den Wolfsburgern Anfang der 90er Jahre einbrach und man Massenentlassungen verhindern wollte, führte der Autokonzern 1994 die 4-Tage-Woche ein. Allerdings ohne vollen Lohnausgleich. So gingen die Arbeiter zwar früher nach Hause, aber mit weniger Geld.

Für Bontrup und seine Mitunterzeichner ist die Arbeitszeitverkürzung ohnehin »keine rein tarifpolitische Aufgabe mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt«. Vollbeschäftigung sei nur noch über diesen Weg zu erreichen. »Wir haben seit 40 Jahren Massenarbeitslosigkeit, die uns alljährlich 70 Milliarden Euro kostet«, so Bontrup. Angesichts der enormen Folgekosten ist die 30-Stunden-Woche auch ein Instrument im Kampf gegen die Staatsverschuldung. Für den Wirtschaftswissenschaftler ist eines klar: »Vollbeschäftigung ist nur durch Arbeitszeitverkürzung möglich, schließlich nimmt die Produktivität schneller zu als die Wachstumsrate.«

Kritik an dem Vorstoß kam am Montag nicht nur aus der neoliberalen Ecke. So bemängelte Heiner Flassbeck, UN-Ökonom und vormaliger Staatssekretär von Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, dass der Lohnausgleich nicht funktioniere. »Das Wort Lohnausgleich hat man erfunden, um Gewerkschaftsmitglieder milde zu stimmen«, sagte Flassbeck gegenüber »Spiegel online«. Dieser Ausgleich könne aber nur funktionieren, wenn die Arbeitsproduktivität im selben Maße steige wie die Löhne. Dies sei bei einer Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden aber unmöglich. »Das ist also der falsche Ansatz«, so Flassbeck weiter. »Ich hätte diesen Brief nicht unterschrieben.«!

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Rhein-Main Bündnis gegen Sozialabbau und Billiglöhne / 30-Stunden sind genug